Die scharfe Linie

ErzählerEinige Wochen nach ihrem letzten Besuch betrat die Kundin wieder den Salon. Ihr kurzer Bob war inzwischen ein wenig herausgewachsen, und besonders im Nacken waren die frisch rasierten Haare wieder deutlich sichtbar geworden.
ErzählerDie Friseuse begrüßte sie und deutete auf den bekannten Friseurstuhl. Die Kundin setzte sich, legte ihre Tasche zur Seite und betrachtete sich im Spiegel.
FriseuseDa ist sie ja wieder. Wie zufrieden sind Sie denn inzwischen mit Ihrem kurzen Nacken?
KundinSehr zufrieden. Ehrlich gesagt habe ich mich viel schneller daran gewöhnt, als ich gedacht hätte.
FriseuseDas freut mich. Möchten Sie ihn heute wieder auffrischen lassen?
KundinJa. Aber diesmal möchte ich noch etwas verändern.
FriseuseWas schwebt Ihnen denn vor?
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KundinIch finde den Bob inzwischen etwas zu weich. Ich hätte ihn gerne strenger. Viel klarer und vielleicht auch etwas kürzer.
ErzählerDie Friseuse betrachtete die Frisur aufmerksam. Der Nacken war inzwischen wieder etwas länger geworden, während die Seiten ihre ursprüngliche Bobform behalten hatten.
FriseuseDann könnten wir die Seiten deutlich kürzer schneiden und eine wesentlich geradere Linie herausarbeiten. Zusammen mit dem kurzen Nacken würde das eine sehr geometrische Frisur ergeben.
KundinGenau das möchte ich. Machen wir es.
ErzählerDie Friseuse kämmte das Haar sorgfältig durch und steckte die oberen Partien zunächst weg. Dann begann sie, die Seiten des Bobs neu aufzubauen.
FriseuseIch würde diesmal einiges an Länge wegnehmen. Ihre Frisur wird dadurch deutlich strenger wirken als beim letzten Besuch.
KundinDas ist in Ordnung. Ich möchte diesmal wirklich sehen, wie kurz wir gehen können.
ErzählerDie Schere setzte an. Eine längere Strähne nach der anderen fiel zu Boden. Die Kundin beobachtete aufmerksam, wie sich die bisher weiche Rundung des Bobs langsam veränderte.
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KundinJetzt sieht man den Unterschied schon ziemlich deutlich.
FriseuseJa. Und wir sind noch nicht fertig. Ich möchte die Linie noch präziser machen.
ErzählerDie Friseuse arbeitete sich von einer Seite zur anderen vor. Sie kontrollierte immer wieder die Länge und korrigierte kleinste Unterschiede. Nach und nach entstand eine gerade, klare Linie, die deutlich kürzer war als zuvor.
FriseuseSchauen Sie einmal zur Seite. Jetzt bekommt die Frisur schon diesen strengen, grafischen Charakter.
KundinDas gefällt mir. Vor allem gefällt mir, dass es nicht mehr so nach einem gewöhnlichen Bob aussieht.
ErzählerAnschließend wandte sich die Friseuse dem Nacken zu. Sie teilte die Haare sauber ab und kürzte zunächst die nachgewachsene Partie mit der Schere.
FriseuseDen Nacken würde ich diesmal etwas höher ausrasieren als beim letzten Mal. Dann passt er besser zu den kürzeren Seiten.
KundinJa, machen Sie ihn ruhig richtig sauber.
ErzählerDer Rasierer begann leise zu surren. Die Friseuse führte ihn vorsichtig über den unteren Nacken und arbeitete sich langsam nach oben. Die dunklen, kurzen Haare verschwanden, bis eine glatte und deutlich höher angesetzte Kontur entstand.
ErzählerDie Kundin spürte den Luftzug an ihrem nun völlig freien Nacken. Im Spiegel konnte sie erkennen, wie stark sich die Wirkung ihrer Frisur inzwischen verändert hatte.
KundinDas ist jetzt wirklich viel strenger als vorher.
FriseuseGenau das wollten Sie doch. Und ich finde, die Form passt jetzt viel besser zu Ihrem Gesicht.
ErzählerDie Friseuse ging noch einmal um den Stuhl herum und kontrollierte die Konturen von allen Seiten. An den Seiten wurden einzelne Haare nachgeschnitten, bis die Linie vollkommen gleichmäßig wirkte.
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FriseuseJetzt fehlt nur noch der letzte Feinschliff. Danach können Sie sich das Ergebnis in Ruhe ansehen.
KundinIch bin gespannt. Ich glaube, diesmal habe ich mich wirklich auf etwas eingelassen.
ErzählerDie Friseuse föhnte den Bob glatt und legte die längeren oberen Haare exakt über die neue, kurze Grundform. Dadurch entstand ein auffälliger Kontrast zwischen dem streng geschnittenen Bob und dem freigelegten Nacken.
FriseuseSo. Fertig. Jetzt dürfen Sie schauen.
ErzählerDie Kundin richtete sich auf und betrachtete sich zunächst von vorne. Ihr neuer Bob wirkte deutlich kürzer und geradliniger als zuvor. Dann drehte sie langsam den Kopf zur Seite und erkannte den hoch ausrasierten Nacken.
KundinWow. Das ist tatsächlich genau das, was ich mir vorgestellt habe. Viel klarer und viel strenger.
FriseuseUnd Sie haben jetzt eine interessante Ausgangsform. Wenn Sie beim nächsten Mal noch mutiger sein möchten, könnten wir die beiden Seiten sogar unterschiedlich gestalten.
KundinUnterschiedlich? Wie meinen Sie das?
FriseuseEine Seite könnte noch kürzer werden als die andere. Dadurch würde der Bob asymmetrisch werden. Das wäre dann wirklich eine außergewöhnliche Frisur.
ErzählerDie Kundin sah ihr Spiegelbild an. Eine Seite kürzer als die andere – der Gedanke war neu, aber er gefiel ihr offensichtlich.
KundinDarüber muss ich nachdenken. Aber ich glaube, genau das könnte mir gefallen.
ErzählerDie Kundin verabschiedete sich und verließ den Salon. Wieder einmal hatte sie den Salon mit einer deutlich kürzeren Frisur verlassen als beim vorherigen Besuch. Und während sie nach Hause ging, musste sie immer wieder an die Worte der Friseuse denken: Eine Seite kürzer als die andere.
ErzählerBeim nächsten Besuch würde aus ihrem strengen Bob etwas entstehen, das noch auffälliger und ungewöhnlicher sein würde.